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Unterwegs mit dem Renault Twizy

Mit dem Renault Twizy stellt Renault eines der wohl aussergewöhnlichsten Serienfahrzeuge der Automobilgeschichte vor. Die Franzosen haben mit dem kleinen Zweisitzer Großes vor – sie wollen mit dem Elektro-Mobil den urbanen Verkehr revolutionieren.
Ich bin den Renault Twizy in Leipzig gefahren.

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Mit dem Renault Twizy stellt Renault eines der wohl aussergewöhnlichsten Serienfahrzeuge der Automobilgeschichte vor. Die Franzosen haben mit dem kleinen Zweisitzer Großes vor – sie wollen mit dem Elektro-Mobil den urbanen Verkehr revolutionieren.

Ich bin den Renault Twizy in Leipzig gefahren – große Stadt, viele Autos, viel Grün und viele Löcher in den Straßen. Wo, wenn nicht hier, wäre der ideale Probefahrt-Punkt?

“Was ist es eigentlich?”, auf diese Frage stößt man zwangsläufig, wenn man sich mit dem Renault Twizy
unter Menschen begibt. Was ist der Twizy? Im Grunde zweierlei. Erstens ist er die visionäre Umsetzung des Konzepts der (Elektro-)Mobilität in urbanem Raum von morgen. Und weil er diese Konzept bereits heute in einem fahr- und erlebbaren (Auto-)Mobil ist, ist er eine mutige Revolution. Denn es muss sich erst zeigen, ob wir Autofahrer diese individualmobile Revolution annehmen und mit tragen, oder ob sie scheitert.
Erstaunlich am Twizy ist, das es nicht – wie bei den meisten Hybrid- und Elektro-Auto-Innovationnen der letzten Jahre – die Japaner sind, die diese Revolution vom Zaun brechen, sondern die Franzosen. Aber die sind auf der anderen Seite ja durchaus berühmt berüchtigt dafür, das Establishment durch den Plebs aufzumischen.

Doch noch einmal von vorn.
Was ist der Renault Twizy? Rein technisch gesprochen?
Der Twizy ist ein Stadt-Fahrzeug mit Elektroantrieb. Besonders: Er ist ein Zweisitzer. Kein Roadster, sondern ein offener Zweisitzer, bei dem die Passagiere hintereinander sitzen. Das macht ihn neben seinem Elektroantrieb einzigartig. Ebenso, wie sein Design. Denn das wirkt, als wäre er geradewegs vom Mars.
Und so schauen einem als Fahrer dann zuweilen auch die anderen Verkehrsteilnehmer nach – egal ob Fussgänger oder Autofahrer, egal ob jung oder alt. Bei meiner Tour durch Leipzig sitze ich auf dem Präsentierteller der Stadt. Introvertierte Ökos werden mit dem Twizy auf Zeit entweder extrovertierter – oder aber unglücklich …

Der Twizy ist ein Novum. Ein Fahrzeug, dem kein bisher definierter Begriff gerecht wird. Er ist kein Auto, kein Motorrad, kein Quad. Er ist ein Urbano – ein für den großstädtischen Individualverkehr erschaffenes Ding. Der Frodo unter den Autos.

Er macht Spaß. Und genau das ist im Grunde auch seine Aufgabe. Er soll Hemnisse abbauen – bei einer Generation von Autofahrern, die mit dem Thema Hybride und alternative Antriebsarten aufwächst, aber noch immer zu wenige Berührungspunkte mit eben diesen Technologien hat.

Offen durch die Stadt.
Er ist schon ein besonderes Fahrzeug. Man sitzt offen im Auto, links und rechts ‘halbe’ Türen ohne Seitenscheiben. Die Kunststoff-Türen sind optional, aber für Autofahrer doch irgendwie wichtig – es gibt ein anderes Gefühl. Ein auto’reskeres. Biker und Moped-Fahrer hingegen werden am Twizy eben genau diese Offenheit ohne Türen lieben.

Egal ob mit oder ohne Türen – mit dem Twizy erlebt man die urbane Welt wieder. Und das ganz anders. Nicht abgeschottet. Nicht mit Radiogeduddel im Ohr. Man ist mitten drin im Gewusel – optisch, akustisch, mit allen Sinnen. “Was ist dieses Quietschen”, frage ich meinen Mitfahrer an einer Stelle unserer Ausfahrt, rüttle an Tür, Lenkrad, allem was es anzufassen gibt in diesem Schmalhans. Und merke erst da: Da quietscht nichts am Auto. Das ist ein Vogel.

Der Twizy ist befreit von allem. Und er befreit von allem.
Nichts an ihm ist überflüssig. Er hat keine Seitenscheiben, keine Klimaanlage, kein Radio (aber Lautsprecher, die man via Blutooth ans Handy koppeln kann). Einen Fahrerairbag hat er. Und ordentliche Sitze, die für den Stadtverkehr absolut ausreichen. Auf Leipzigs Straßen sollte man jedoch Obacht geben. Bedingt durch den engen Radstand – sowohl in der Längs- als auch Quersicht – und der Höhe des Twizy ist das Fahrwerk des Franzosen trockenhart. Ein seidenes “reinlegen” in den Kurven, wie man es vom Motorrad kennt, ist also nicht. Das strafe Fahrwerk ist gut, auf den etwas älteren oder abgelegeneren Kopfsteinpflaster-Wegen der sächsischen Stadt jedoch wird man ordentlich durchgeschüttelt.

Urbane Mobilität der Zukunft.
Rund 100 Kilometer soll der Akku des Twizy halten. Das ist im Getümmel der Großstadt durchaus genug – und über die Stadtgrenzen hinaus werden die wenigsten mit dem offenen Vierrad wollen. Sollen sie aber auch nicht. Stadtpark: Ja. Mecklenburger Seenplatte: Eher nein. Oder nur mit Zeit, Landstraßen und dem Duracell Häschen als Begleiter.
Studien zumindest zeigen: Mehr als 100 Kilometer legen wir im Alltag überhaupt nicht zurück. Und dabei ist den potentiellen Nutzern von Elektroautos gerade die Reichweite wichtig. Viel wichtiger wären aber doch Agilität, Bequemlichkeit und andere Faktoren?

Wie schon oben beschrieben fühlt man sich im Twizy wie vom Mars. Das liegt zum einen am futuristischen Design des Twizy, zum anderen aber eben auch am Elektroantrieb. Mehr als einmal ertappte ich mich dabei, wie ich im kleinen Zwerg schalten will. Dabei hat er keinen Schalthebel – für ihn gibt es nur zwei Gänge: Vor und Zurück. Und die beschleunigen gleichermaßen. Nicht rasant, aber immerhin fidel.
Etwas mehr Power könnte er indes schon haben. Angetrieben wird der Elektro-Zwerg von einem 13 kW-Motor (18 PS). Das reicht, um mit dem Verkehr beschleunigen und mitschwimmen zu können. Bei 80 km/h ist Schluss mit der Beschleunigung – schneller wird er nicht. Und das ist auch nicht weiter schlimm. Schlimm ist, dass er, einmal die 30 km/h überschritten, keine richtige “Reserve” mehr hat. Egal wie stark man das Pedal durchdrückt, er beschleunigt gleichbleibend, ein kurzes ‘wegspringen’ ist also nicht richtig möglich, gerade das würde aber dem Fahrspaß und der gedanklichen Sicherheit durchaus zuträglich sein. Und wo wir gerade bei Wünschen sind: Ich würde den Twizy mit Glasdach ausgestattet vorziehen – das dunkle Plastikdach drückt optisch unnötig, und wenn schon pur und offen, dann gleich richtig …

Trotzdem, um auf den Punkt ‘Fahren’ zurück zu kommen, über den Fahrspaß kann man sich nicht beschweren. Man kommt sich im Twizy jederzeit etwas extravagant vor. Das leichte summen der Beschleunigung kennt man aus der S-Bahn, zzzzwosch und weg. Etwas getrübt wird es durch den Lärm, den die schmalen Reifen und die sich windende Karosserie machen. Das könnte aber auch einfach dran liegen, dass unser Renault einfach vollständig frisch aus Frankreich kam und im Grunde die ersten Runden in Leipzig fuhr.

Und jetzt?
Der Twizy ist Auto – oder fahren – pur. Er ist keine Rennmaschine, aber ein lebendiger Flitzer. Kein Einkaufswagen, aber ein Stadthopper, mit dem man locker die notwendigen Erledigungen machen kann. Erfreuen dürfte er sich vor allem bei jungen Menschen, die etwas für Herz, Umwelt und Spaß haben wollen. Für rund 7000 Euro ist er das wohl günstigste Elektrofahrzeug auf dem Markt – und kann, gedrosselt auf 45 km/h – bereits mit der Fahrerlaubnis S (ab 16) gefahren werden. Zum Anschaffungspreis kommt eine monatliche Pauschale von 50 Euro – für das Leasing des verbauten 100 kg schwere Lithium-Ionen-Akkus. Den kauft man nicht, hat mit ihm am Ende des Tages bei Problemen jedoch auch keinen Ärger.

Übrigens Akku: Der Twizy wird über das normale Stromnetz über eine 230 Volt-Steckdose geladen und bringt sein Kabel mit. Binnen drei Stunden lässt sich der 100 Kilo-Akku dann wieder aufladen und ist für den nächsten Ausflug bereit.

“Den behalt ich an”, rutschte mir während der Probefahrt einmal raus. Aber es trifft ins Herz des Twizy-Konzept. Der menschengroße Rollschuh ist ein wunderbares Auto, aus dem man eigentlich nicht mehr raus will – der Wendekreis ist klein, man kommt schnell und gewitzt quasi überall hin. Ich warte darauf, dass die ersten Supermärkte ihre Regalreihen für Twizy-Fahrer verbreitern – es wäre eine perfekt Welt!

Mir hat der Twizy richtig Spaß gemacht, auch wenn er die Gemüter aufgrund seines Antriebs und Aussehens scheidet. Aber genau das soll er auch – über den Twizy soll, muss und kann geredet werden. Dass er die Menschen dabei in harte Fans und Ablehner trennt, ist das Beste, was Renault passieren konnte …

Am Ende des Tages gehört Renault für den Twizy Respekt gezollt. Etwas vergleichbares hat kein anderer Hersteller. Vergleichbar viel Mut für die Elektrifizierung bringt kein anderer Hersteller aktuell auf. Ob wir es mit tragen? Das wird sich zeigen müssen …

Einige meiner Blogger-Kollegen sind den Twizy vor einiger Zeit auf einer schicken Mittelmeerinsel zur Probe gefahren. Ihre Berichte:
Jens von rad-ab
Alex der Probefahrer
Derby auf Whudat

Anmerkung:
Ich bin den Renault Twizy zusammen mit meinem Kollegen Daniel Große im Rahmen unseres Engagements für die AMI Leipzig Probe gefahren. Zur Verfügung gestellt wurde uns das Auto von AutoTag Leipzig. Danke dafür!
Im Rahmen unserer Probefahrt entstand auch ein kleines Video.