autokarma - Um Auto und das Reisen. Für Männer mit Kind und Familie.

Willkommen bei autokarma. Hier geht es um Autos, Elektromobilität und mehr. Dieser Beitrag hat MAN zum Thema.

MAN TGX 18.480

Auf Tuchfühlung mit dem MAN TGX 18.480 Euro 6

Es ist etwas her, dass ich von einer Testfahrt so beeindruckt war, wie von dieser. Doch hinter dem Steuer eines 18-Meter-Sattelzuges sitzt man selbst als Autoblogger nicht alle Tage. Dank MAN hatte ich nun die Chance – und ich nutzte sie … Ein Erlebnisbericht.

Für diesen Artikel benötigst Du ca. 05:31 Minuten Lesezeit.

Dass mich ein Auto wirklich überrascht, kam in den letzten Jahren ehrlich gesagt nur selten vor. Jedem Modell wohnt eine gewisse Erwartung inne, und im besten Falle erfüllt sich diese oder übertrifft sie. Das ist dann weniger pure Überraschung, als mehr Zufriedenheit und Bestätigung.
Aber selten zuvor bin ich in ein Auto gestiegen und wurde von meiner eigenen Erwartung so sehr fehlgeleitet. Um so größer ist diese Überraschung dann, wenn man sie auf Erfahrungen begründet.

Ich wurde überrascht. Ich wurde von einem Auto über”fahren”. Von einem Lkw.

Auf seinem Kühlergrill prangt ein stolzer Löwe, die Zähne zeigend, auf allen Vieren stehend, zum Angriff bereit.
Wäre dies ein Pkw, das Logo stünde für Aggressivität, Angriff, Sportlichkeit. Doch der Löwe hat Platz auf einem Lkw. Einem, der in München entsteht und zu den meistverkauften Nutzfahrzeugen in Deutschland zählt. Einem MAN.

Der größte von allen steht vor mir – der MAN TGX 18.440 Euro 6 Sattelzug inklusive voll beladenem Auflieger. Eine imposante Erscheinung, nicht nur wegen des runderneuerten Logos auf seiner Brust.
Wenn wir seinen Brüdern auf den Autobahnen begegnen, sind wir schnell an ihnen vorbei, empfinden sie als Störfaktor. Doch hier auf dem Platz, vor mir, macht er unmissverständlich klar, wer der eigentliche “König der Autobahn” ist.
Über vier Stufen geht es ins Fahrerhaus. “Haus”, wie wohl gewählt, dieser Name. Manche Fahrer verbringen hier auf diesen wenigen Quadratmetern einen Großteil ihres Lebens. Menschen, wie mein Vater – ein Spediteur aus Leidenschaft, der bis zu seinem siebzigsten Geburtstag ab und an selbst noch mit dem Lkw auf Fahrt ging.
Hier oben sitzt man dreifach gefedert: Die Achse zwei Meter unter einem ist gefedert, das Fahrerhaus ist es, und dieser Sitz hier ebenso. Kontakt zur Strasse sieht anders aus, aber wenn man neun Stunden am Stück hier oben sitzt, ist man froh nicht jedes Schlagloch auf deutschen Strassen mit Namen nennen zu können, wie es vor zwanzig Jahren noch der Fall war.
Ich sitze in einem Fahrzeug mit automatisierter Schaltung, 40 Tonnen in meinem Rücken. Ich saß schon oft hier oben – doch was jetzt kommt, ist neu. Ein Dreh am Zündschloss. Ein zweiter Dreh. Zündung. Das erste mal hat etwas von Cape Canaveral. Der Motor nagelt sacht vor sich hin. Die erste Überraschung. Er ist halb so laut, wie in meiner Erinnerung.
Unter dem Führerhaus arbeiten täglich 480 PS. 353 kW, die bei 1.600 Umdrehung ziehen, 2.300 Newtonmeter maximaler Drehmoment. Zum Vergleich: ein Verwandter des MAN, der ebenfalls in München entsteht wartet mit einem maximalen Drehmoment von 680 Nm auf. Zwischen dem M5 und dem TGX besteht bis auf den Geburtsort allerdings wenig bis keine sonstige Verwandtschaft.

Ein vorsichtiges tippen auf das Gaspedal setzt den Riesen in Bewegung. Vor keinem Auto hatte ich so viel Respekt bisher. 3,60 Meter Radstand – nur. Aber 13,68 Meter Auflieger dahinter.

In einer großen Kurve fahre ich den Zug aus dem Parkplatz heraus, auf die Teststrecke. Und beim einschlagen der Räder erlebe ich die zweite Überraschung. Dieser Riese lässt sich leichter lenken, als gedacht. man benötigt zwar etwas mehr Kraft als beim kleineren MAN TGS, mit dem ich vorher auf der Strecke war, doch im Verhältnis zu Größe und Gewicht ist das hier ein Kinderspiel. Manch gebrauchter Pkw lässt sich schwerer lenken.

Die Strecke selbst ist keine große Überraschung. Oder doch? Nach hundert Metern geht es über einige Bodenwellen – die ich erst realisiere, als der Instruktor neben mir diese anspricht. Ich gewinne den Eindruck mit dem Ding hier Hasen überfahren zu können, ohne, dass ich es überhaupt mitbekommen würde. Die Federung der Maschine ist enorm – der TGX hat etwas von einer Sänfte. Die erste Kurve, rund 80 Grad, danach ein langes Stück geradeaus, rein in eine enge Kurve. 30 km/h ist die Aufforderung anfangs der Kurve – zu optimistisch für mich, ich steuere den Sattelzug mit rund 15 km/h hier durch, um auf einer langen Kurve wieder zum Start zurück zu kommen. Noch eine Runde. Und an deren Ende erwartet mich eine riesige Lektion. Eine weitere Überraschung.

Es geht durch einen eng abgesteckte Slalom. Fünf Verkehrskegel stehen hier, in Abständen die ich mit einem Pkw flott und mit dem vorhin gesteuerten 12 Tonner noch immer in überzeugender Geschwindigkeit passieren würde. Aber dieser TGX hier? Der passt da niemals durch!
“Doch, tut er”, versichert mir mein Instruktor. Und wir beginnen mit dem, was die eindrucksvollsten fünf Minuten für eine lange Zeit in meinem Autoleben sein wird.

Dass Lkw einen anderen Wendekreis haben, weiß ich. Fahre ich in einer zweispurigen Kurve innen, während außen ein Lkw fährt, lasse ich ihm Platz – ich weiß, dass der tote Winkel bei einem Lkw zuweilen enorm ist. Ich weiß, dass man viel Platz braucht. Ich weiß, dass auf normalen Strassen dieser Platz für Lkw manchmal nicht ausreicht, um auf der eigenen Spur zu bleiben – insbesondere in Kurven.
Was ich bisher nicht wusste, ist die Leistung die dahinter steckt, einen Sattelzug einigermaßen gesittet und für andere Verkehrsteilnehmer rücksichtsvoll durch die Stadt zu bewegen.

Einen Sattelzug mit insgesamt 18,75 Metern Länge fährt man nicht mit der Zugmaschine. Man fährt den Auflieger. Man denkt nicht wie mit einem Pkw. Ist man mit dem als Fahrer im Kurveninnenpunkt, sollte man einlenken; selbst in der engsten Serpentine. Bei diesem Riesen hier jedoch ist alles anders. Hier denkt man nicht an sich. Hier denkt man nicht mit dem Sattelzug. Hier fährt man nach dem zweiten Hinterrad des Aufliegers. Erst wenn das am Kegel vorbei ist, kann ich in einer scharfen Kurve in die neue Richtung steuern. Echte Lenkarbeit? Ja. Aber vor allem auch, echte Denkarbeit. Denn man muss sich von dem Gelernten verabschieden, von der Geschwindigkeit und dem “ich”. Man darf sich nicht mehr auf das erlernte Gefühl verlassen, sondern muss die gegebenen externen Sensoren konsultieren: Sechs große Außenspiegel, die nach hinten und unten vor das Fahrerhaus weißen.

Am Ende des Parcours habe ich mit meinem 18 Meter langen Gefährt keinen Kegel umgestoßen. Ich habe fünf Minuten, viele Zellen meines Gehirns aber keinen Rückwärtsgang gebraucht. Und mein Körper schüttet Endorphine aus – Glückshormone. Unglaublich, diese Erfahrung.

Ich drehe noch eine Runde über den Kurs bevor ich den Lkw wieder abstelle. Mit einem Hochgefühl. Das hier war eine der außergewöhnlichsten Testfahrten meines Lebens. Eine Erfahrung.
480 PS werde ich bald wieder in meiner Verantwortung haben. Nicht aber 18.750 Zentimeter, auf denen 40 Tonnen lasten.