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Willkommen bei autokarma. Hier geht es um Autos, Elektromobilität und mehr. Dieser Beitrag hat Autonomes Fahren und Tesla zum Thema.

Teslas größter anzunehmender Unfall

Die selbstfahrenden Tesla begeistern die Anhänger. Dabei ist der Autopilot überhaupt nicht ausgereift und auch nicht dazu gedacht, das Auto ohne menschliche Aufmerksamkeit zu steuern. Tesla und seine Klientel müssen daraus lernen.

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Rückschläge gehören dazu, in der Evolution.
Das wusste Darwin. Das weiß jeder Gründer und jeder Ingenieur.
Eben diese Rückschläge musste in den letzten Jahren auch Tesla hinnehmen. Für das Unternehmen, welches die Tech-Szene mit seinem disruptiven Ansatz für die Elektromobilität begeistert, ging schon einiges schief. Entwicklungsverzögerungen, mechanische Probleme, …
Doch jetzt dürfte das Unternehmen mit seinem größten Rückschlag zu kämpfen haben.

Bei einem Unfall mit dem als „Autopilot“ bezeichneten System zum teil-autonomen Fahren in einem Tesla S gab es ein Todesopfer. Anfang Mai übersah der Autopilot einen kreuzenden Lkw, rammte den Auflieger und töte damit den Insassen im Tesla.

Der Unfall sorgt für viele Schlagzeilen. Nicht nur, weil die Umstände etwas seltsam sind. Nicht nur, weil dieser Unfall als erster tödlicher Unfall mit einem teil-autonomen Fahrzeug in die Geschichtsbücher eingehen wird, bei dem der Fahrer passiv war. Sondern auch, weil es am bisher technologisch einwandfreien Image von Tesla kratzt.

Tesla hat seinen „Autopilot“ über ein Software-Update in die Fahrzeuge gebracht. Dieses Vorgehen haben in den vergangenen Monaten viele Branchenkenner als kritisch erachtet, denn viele sehen die Hardware des Tesla für nicht ausgereift genug, um die vermarktete Funktion eines Autopiloten überhaupt sicher anbieten zu können.

BMW, Intel und Mobileye wollen bis 2021 eine offene Plattform für voll-autonomes Fahren schaffen. Im zugehörigen Artikel erkläre ich auch, was eigentlich die Unterschiede zwischen teil- und voll-autonomen Autos sind.

Abgesehen einmal von der Interpretation, die viele Fahrer beim Namen „Autopilot“ haben könnten, ist das System eigentlich nur ein Fahrassistent. Er lenkt, hält den Abstand zum Vordermann und wechselt beim Blinken die Spur. Kritiker werfen Tesla vor, das System prüfe dabei viel zu selten die Aufmerksamkeit des Fahrers. Und: Auf Seiten der Hardwäre verfüge Tesla über zu wenige Sensoren. Das Auto ist nach hinten faktisch blind und hat keine Rund-um-Sicht.
Hinzu kommt: Tesla selbst bezeichnet den Autopilot als „Beta“. Damit unterstreicht man zwar für die technisch versierte Zielgruppe, dass das System noch nicht 100-prozentig arbeitet; die Frage muss aber gestattet sein: Kann man eine Beta-Software, die ein zwei Tonnen schweres Auto steuert, wirklich in freier Wildbahn den Konsumenten für den Alltagseinsatz überlassen?

Neben diesen Fragen muss sich Tesla in den kommenden Wochen – von Kunden ebenso wie von der US-Amerikanischen Verkehrsaufsicht NHTSA – weitere Fragen gefallen lassen.

Wie konnte die Front-Kamera der Elektro-Limousine den Lkw übersehen? Darf es sein, dass ein Auto im Gegenlicht ein weißes, so großes Fahrzeug wie einen Sattelschlepper übersehen kann?
Oder: Weshalb konnte das Radar-System den Lkw nicht erkennen und steuerte den Tesla ungebremst in das Hindernis?
Und: Wie kommt es, dass der Tesla auch nach dem Crash offenbar nicht hielt, sondern weiter fuhr und erst abseits der Straße zum Stillstand kam?

Tesla betont aktuell, dass der „Autopilot“ keineswegs dazu gedacht sei, allein fahren zu können. Man solle stets den Verkehr im Blick behalten.
Warum aber distanziert sich Tesla dann nicht von den zahlreichen Videos auf YouTube, in denen Fahrer in den letzten Monaten immer wieder zeigten, dass sie mit vielen anderen Dingen beschäftigt sind – nur nicht damit, das Fahrzeug wie vorgesehen zu steuern? Auch im konkreten Fall ist es wohl so, dass der Verunglückte nicht auf die Straße achtete, sondern einen Film anschaute …
Erst vor wenigen Tagen sorgte ein Video für Aufsehen, in dem ein Tesla-Fahrer ein Nickerchen macht, während er von seinem Auto chauffiert wurde. Wieso hat Tesla nicht bereits zu diesem Zeitpunkt gewarnt, gemahnt, …? Der Unfall lag da bereits Wochen zurück, geschah am 7. Mai.

Wie Tesla mit dem Fall umgeht wirkt unbeholfen. Seit Tagen beruft man sich auf die Statistik: Der Autopilot habe bereits 200 Millionen Kilometer absolviert, sei ein stetig dazu lernendes System. Schließlich sind die Tesla-Fahrer nicht nur Kunden, sondern auch Tester, Entwickler und Lehrer für das System.
Zudem würde es im normalen Autoverkehr ohne Unterstützung aller 90 Millionen Kilometer zu einem Toten kommen. Statistisch gesehen. Damit steht es 1:2. Aber lässt sich das wirklich so einfach aufwiegen?

Dass es früher oder später zu Unfällen (teil-)autonomer Fahrzeuge mit Toten kommt lässt sich nicht verhindern – egal, wie weit die Entwicklung voran schreitet. Joshua D. Brown ist das erste Opfer, nicht aber das letzte. So wie Bridget Driscoll, die am 17. August 1896 in London von einem Auto angefahren wurde und verstarb – sie war die erste Tode bei einem Auto-Unfall, und bei Weitem nicht die letzte.

Tesla wäre vielleicht gut darin beraten, nicht mit kindlicher Trotzigkeit an der technischen Unantastbarkeit seines Systems festzuhalten. Vielleicht ist es eher Zeit, einmal auf die Euphorie-Bremse gegenüber der eigenen Technologie zu drücken.
Die oftmals gegenüber Tesla in die Kritik geratene gestandene Autoindustrie entwickelt teil-autonome Systeme seit Jahren und bringt diese Schritt für Schritt in die Fahrzeuge. Sie lassen Produkte in industrieeigenen Fahrten reifen, statt beim Kunden. Erziehen Fahrer daneben mit langsamen Evolutionsstufen zur Aufmerksamkeit.
Vielleicht sollte der Unfall eher zum durchatmen anhalten. Auch bei der in Technik vertrauenden Tesla-Klientel. Sie muss lernen, dass der teil-autonome Autopilot durchaus an die Hand genommen werden muss – nicht nur sprichwörtlich, sondern auch in der Tat. Das Lenkrad gehört schlichtweg noch nicht aus der Hand gegeben, die Aufmerksamkeit erst recht nicht.