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Neuwagen auf Autofriedhöfen?

Diese Bilder von Tausenden neuen Autos sind beeindruckend, die Geschichte dahinter wird dich zu Tränen rühren!

Europa hat es nicht leicht: Eurokrise, Autokrise, Europawahl. Wir sind belastet. Und da passt es nur zu gut ins Bild, wenn die Autohersteller ihre Neuwagen aufgrund der Absatzkrise direkt vom Werk auf Auto-Friedhöfe bringen … Behauptet der Focus in einem aktuellen Artikel – und erzählt totalen Quatsch. Ein Lehrstück über falschen Auto- und Wirtschaftsjournalismus.

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Ja, der Automarkt schrumpft, der Absatz schwächelt – aber die Autohersteller bauen munter weiter. Klar, dass irgendwann zu viele Autos da sind, die man nicht verkaufen kann. Und dann hilft natürlich nur: irgendwo Grundstücke kaufen und die neuen Karren heimlich irgendwo abstellen.
Man kann nur hoffen, dass kein investigativer Journalist vom Schlage Günter Wallraffs die heimlichen Depots entdeckt.

Leider hat man nicht mit Google Maps gerechnet!
Und so hat man jetzt beim Focus eine dieser atemberaubenden Stories entdeckt, die dich sprachlos machen werden – ganz im Sinn von heftig und co. So titel das “Nachrichtenmagazin” heute:
MEGA-PARKPLÄTZE: SIND DAS DIE GRÖSSTEN NEUWAGEN-MÜLLHALDEN DER WELT?

Die Antwort des Focus im Artikel: Ja.
Leider allerdings ist das Quatsch. Denn nichts von dem, was der Autor “sv” da im Focus schreibt ist auch nur ansatzweise wahr.

“sv” wittert eine große Geschichte – Tausende Neuwagen, zum sterben auf Plätze geschickt.
Gut, das könnten natürlich auch nur Lager- oder Umschlägplätze sein. Aber “sv” ist sich sicher: “Doch dass es sich zumindest bei vielen der gezeigten Blech-Massen nicht um eine geplante Lagerhaltung handelt, darf man annehmen.

Ja. Annehmen kann man das. Dürfen tut man es als Journalist jedoch nicht.

Denn das, was der Focus da anhand von Satelittenbildern auf Google Maps zeigt, sind nichts anderes als Verladeplätze.
Plätze wie zum Beispiel in Bremerhaven. Wo zwar bis zu 75.000 Fahrzeuge stehen, das aber in einem steten Tausch – insgesamt werden hier nämlich über 2 Millionen Fahrzeuge im Jahr umgeschlagen. Oder etwas mehr landeinwärts an der Donau – auch dort gibt es im Süden Deutschlands noch einmal solch riesige Flächen, auf denen Abertausende Autos stehen.
Allerdings nicht, um zu sterben. Oder zu verrosten.
Denn die Fluktuation ist groß.
Dummerweise sieht man das auf Google Maps-Fotos nun natürlich nicht. Ein wenig googlen hätte vielleicht geholfen. Und nachfragen bei den Herstellern.

So stimmt schon das Grundgerüst des Artikels im Focus schlichtweg nicht.
Dort nämlich schreibt “sv”, der europäische Automarkt stagniere.
Das ist so eigentlich nicht korrekt. Denn einmal unabhängig davon, dass die Märkte in den USA und China dafür förmlich explodieren, verzeichnet der europäische Automarkt nach Jahren der Flaute 2014 endlich wieder einen Aufwärtstrend. So legten die Neuzulassungen innerhalb der EU in den letzten acht Monaten kontinuierlich zu.

Überzeugt noch immer nicht?
Gut. Probieren wir es über die Logik.
Autohersteller sind kapitailstische Unternehmen in einem kapitalistischen Markt. Sie sind auf Gewinne und hohe Margen aus. Dumm nur, dass sich so ein Auto nicht selbst kauft, wenn es das Werk verlässt. Jedes produzierte und nicht verkaufte Auto ist also ein (Wert-)Verlust für das Unternehmen – denn das Gut verliert an Wert, das Material ist gebunden und kann somit nicht monitarisiert werden. Damit wird das Unternehmen unflexibel. Irgendwann ist nicht mehr genug Bargeld vorhanden, um Löhne oder Rechnungen zu zahlen.
Autohersteller können Lager nicht leiden. Sie nehmen Platz und Geld weg – allein deshalb zum Beispiel ist Just-In-Time-Produktion bei den Herstellern Gang und Gäbe.
Zudem nimmt der Grad an Personalisierung von Fahrzeugen stetig zu. Autos werden auf Bestellung gefertigt. Die Modelle, die als “Basisversionen” in Produktionsfreiläufen oder -vorläufen gebaut werden stehen unter Umständen weit länger beim lokalen Händler, als auf Lagerflächen der Hersteller.

Die Quelle der Verschwörungstheorie für den Focus dürften übrigens die Deutschen Wirtschafts Nachrichten sein. Eine Website mit seriösem Namen und vollkommen obskuren Inhalten.
Das Blatt veröffentlichte am 18. Mai – einen Tag vor dem Focus -: “Geheime Friedhöfe: Warum verstecken Hersteller tausende Neuwagen in der Pampa?“. 16.000 mal wurde der Artikel traurigerweise geteilt.
Ähnlich oft wie der nahezu exakt gleiche Artikel vom 09. April 2013 – der damals noch nicht ganz so grell klang, aber deshalb nicht weniger Quatsch war: Warum parken tausende Neuwagen heimlich in Bayern? – auf immerhin 6.000 Facebook-Erwähnungen kam der.
Beide Artikel übrigens haben ihren Ursprung in einem Blog, auf das sich nun auch der Focus bezieht. “Zero Hedge” heisst es – und veröffentlichte die gleichen Artikel wie die “DWN”. Am 17. März 2013 mit der Schlagzeile Where ‘Channel-Stuffed’ German Cars Go To Die – über einen Umschlagplatz für Fahrzeuge von Audi. Und am 17. Mai 2014 mit dem aktuellen Bildmaterial, das man auch im Focus bestaunen kann: Where the World’s Unsold Cars Go To Die.
Dass man Zero Hedge durchaus trauen kann, beweisen einige gute Treffer des Online-Magazins bei Analysen in der Finanzbranche. Doch ob man ihm nun unbedingt trauen muss, steht auf einem anderen Blatt. Schon 2011 schreibt Telepolis: “Wird der finanzpolitische Sachverstand der Autoren von Zero Hedge auch allgemein anerkannt, so werfen Kritiker dem Weblog eine gewisse Tendenz zu Verschwörungstheorien und eine apokalyptische Weltsicht vor.

Übrigens: Schon 2009 machten manche der jetzt geteilten Bilder die Runde im Guardian. Damals berichtete das Blatt – vollkommen korrekt – über die Automobilkrise 2009 – und die damit Tausenden nicht verkauften Fahrzeuge auf den Abstellplätzen, weil die Absätze plötzlich wegbrachen und die Kalkulationen zur Produktion nicht mehr stimmten. Doch die Autohersteller haben gelernt. Und schon damals stellte kein Hersteller die Autos dort “zum verrosten” ab, wie es der Focus und Co. uns fünf Jahre später weiss machen wollen.
So ist zum Beispiel die Nissan-Teststrecke im englischen Sunderland – von der im Guardian und nun unter anderem beim obskuren Kopp Verlag wieder veröffentlichte Bilder zu sehen sind – auf den Google Maps Aufnahmen von 2014 plötzlich nicht mehr mit “Rostautos” vollgestellt – sondern vollkommen leer.

[HINWEIS – Der Artikel wurde im Lauf des Tages mit Hinweisen von Rainer Bertram und Jonas Jansen erweitert.]

[Aktualisierung am Abend 21.05.2014] Die Deutschen Wirtschafts-Nachrichten haben ihren Artikel mittlerweile – sichtbar und mit Anmerkungen – korrigiert. Der FOCUS noch immer nicht.
Als Nachreichung zudem ein Artikel von Jalopnik (auf Englisch): That Zero Hedge Article on unsold cars is Bullshit.

  • Felix

    “Wo bis zu 75.000 Fahrzeuge jährlich umgeschlagen werden”

    Korrektur: Es stehen dort bis zu 75.000 Autos rum und jährlich werden laut anderer Quelle 2,15 Millionen Fahrzeuge umgeschlagen. Wenn ich mich nicht verrechnet habe stehen dann die Fahrzeuge im Schnitt auf jeden Fall weniger als 13 Tage.

  • Harry

    Das wundert mich trotzdem. Denn selbst wenn die 75.000 PKW ständig umgeschlagen werden, stehen ständig so viele Autos da. Bei einem Durchschnittspreis von 20.000 Euro sind das 1,5 Milliarden Euro totes Kapital.

    • ThomasGigold

      Nein, kein totes Kapital – Kapital auf dem Weg zum Abnehmer. Diese Umschlägplätze sind dynamische Lager. Ein Auto steht da in der Regel nur wenige Tage bevor es verladen oder zum Händler bzw. Kunden gebracht wird. Beim Export bspw. kommen die Fahrzeuge von der Produktion auf diese Plätze und werden dann verschifft. Das Kapital ist also nicht tot sondern “im Transfer”. Das ist u.a. der Unterschied zur Focus-Berichterstattung.

    • Montrose

      Nun ja, Autos werden nicht von Kontinent zu Kontinent gebeamt, sondern mit Schiffen transportiert. Die Schiffe gehen häufig wöchentlich, d.h. es sammeln sich am Hafen mindestens mal punktuell 7 Tage Produktion. Da die Produktion allerdings stetig ist, wird mindestens diese Menge wohl immer vor Ort sein, um das Schiff in einem Tag beladen zu können. Der Gedanke bzgl. Kapital wird noch beeindruckender, wenn man den Hauptlauf (4-6 Wochen) auf dem Schiff berücksichtigt. D.h. der Automobilhersteller hat locker mal 7 Wochen Bestand in der Pipeline.
      Allerdings sind im Allgemeinen die reinen(!) Herstellkosten (also Zukaufteile und Wertschöpfung in der Produktion) eines Autos deutlich niedriger als 20 TEUR, das hilft dann ein wenig bei der Kapitalbindung …

  • Christoph

    @Harry: Allein VW hatte 2012 über 192 Mrd. Euro Umsatz und ich nehme an (ich darf das hoffentlich ;-)), dass das Modelle verschiedener Hersteller sind, die da so rumstehen. Also sind die 1,5 Mrd. Peanuts.

    In der BWL gibt’s den Begriff Lagerumschlagshäufigkeit, “Wie oft wird mein Lager pro Jahr geleert?”. Je höher die Kennzahl, umso besser. In dem Fall schlägt das Lager 2 Mio. Fahrzeuge um und im Schnitt stehen 75.000 Autos im Lager. Die Lagerumschlagshäufigkeit ist also 26,6. Das ist super.

  • Waterhouse

    Sehr guter Artikel und viele richtige Argumente, aber etwas ganz wichtiges fehlt und das lässt den ganzen Schmarrn wie eine Seifenblase platzen. Die Automobilhersteller produzieren auf Bestellung ihrer Vertragshändler und somit ist jedes Fahrzeug ( ausser denen die Konzernintern genutzt werden ) das aus dem Werk rollt schon verkauft. Selbst wenn diese Fahrzeuge auf den Fotos wirklich zum vergammeln da stehen würden, hätten nicht die Hersteller ein Problem, sondern deren Vertragshändler. Von daher hätte man, wenn man wirklich ein Disaster aufdecken wollte, die Recherche an ganz anderer Stelle ansetzen müssen, aber was träum ich von Recherche …

    • ThomasGigold

      Ja und Nein.
      Das Thema ist zugegeben komplex und hier zum Verständnis oberflächlicher wiedergegeben … streng genommen wäre es wohl auch nicht der Händler, sondern die Bank die da ein Problem hätte ;)

  • Georg Hellner

    was um himmels willen ist ein autoblogger ? überflüssiger geht´s nicht …

    • Pieter

      leben und bloggen lassen. Ist doch eine interessante Geschichte. Was bitte soll Ihr Kommentar? Überflüssiger geht’s nicht…

    • Die Kathrin Sowieso

      Sehe ich genau so! Wer braucht so einen Blog? Dieser Artikel hat nichts, aber auch gar nichts tiefgehendes; Außer dem Neid gegenüber etablierten Nachrichten-Seiten…

  • chris

    Dennoch, und das ist Fakt, dass jedes dritte Kraftfahrzeug auf den Hersteller respektive auf den Händler zugelassen ist. Der Absatz eines Kfz verlangt es nicht, welch ein Kunde dieses nutzt. Dies wird statistisch als Verkauf dargestellt und somit positiv gebucht. Somit eher “Friedhöfe” beim Händler statt beim Hersteller.

  • Karlheinz Krass

    Dieser Artikel überzeugt nicht. Der Verweis auf angeblich schlechte journalistische Qualität der Deutschen Wirtschafts Nachrichten als Quelle ist nicht wirklich ein Argument. Dass die Riesenlager alle 2 Tage ausgetauscht würden, ist unglaubwürdig, die Bilder vermittel hohe Bewegungslosigkeit, keineswegs emsiges Beschäftigtsein. Musste da nicht vor ein paar Jahren in D eine Abwrackprämie zur Stützung des Absatzes der Automobilindustrie eingerichtet werden?

    • ThomasGigold

      Hallo.
      Niemand hat behauptet der Austausch würde aller zwei Tage durchgeführt – in der Regel stehen die Fahrzeuge aber in der Tat da nur wenige Tage. Der Punkt ist: DWN und Focus erwecken den Eindruck diese Plätze seien Abstellflächen für Autos die dort Ewigkeiten zum verrosten stehen. Das ist falsch.

      > die Bilder vermittel hohe Bewegungslosigkeit
      Merkste selbst, oder? Fotos sind immer bewegungslos ;-)

  • Bernd Leibbrand

    Zum Thema “Recherche” und Nissan-Autohalde. Einfach das Bild von der leeren Teststrecke etwas verkleinern dann taucht die Halde wieder auf (nord-westlich) – und nun weiterhin viel Spaß beim “Am Thema vorbei diskutieren”.

  • markushaefner

    So ein Quatsch .. Landreformen sind nunmal 60 Jahre her .. und die
    meisten Menschen tauschen max. 2mal Auto gegen Land. Die Absätze werden
    über Leasing vorgetäuscht und Deutschland produziert nunmal kein Öl …
    und die Produktion dieser nutzlosen Massenproduktion gefährdert über
    die AKW-Altlasten und Staatsverschuldung zunehmend unsere Städte. Also
    .. das ist mit Sicherheit Tatsache .. auch wenn sich der ein oder Andere
    ausrechnet, dass er evt. bald irgendwie kostenlos an die Dinger ran
    kommen könnte, was auch die massive ZUwanderung erklärt. Letztendlich
    steht das Land vor dem Ausverkauf und Plünderung seiner hypotheken.