autokarma - Über Autos, Mobilität und den Rest – Das Autoblog von Thomas Gigold

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Explosion – Die Zerstreuung des Serienautos.


Magna Coupic MILA Concept von 2012 – SUV, Coupé und Pick Up in einem

Wir sind Individualisten.
Mit zunehmender Zufriedenheit im Alltag wächst unser Anspruch an die Dinge, die an der Spitze unserer Bedürfnispyramide (doch, ich hab so einiges aus VWL behalten) stehen. Wir buchen nicht mehr die Pauschalreise sondern gehen auf Pauschale Individualreisen. Wir wollen nicht mehr den weißen Käfer, mit dem schon Mama und Papa damals über den Brenner sind – sondern den geländetauglichen Vierrad-VW Käfer in Elfenbeinweißmetallic mit 225 PS und variabel anliegender … Ihr wisst, auf was ich hinaus will.

Der Individualisierungswunsch wurde von den Herstellern bereits erkannt – sie steuern mit Buchdicken Ausstattungslisten, exklusiven “Individual-Programmen” und zunehmend mehr Modellen dagegen.
Früher gab es Kleinwagen, Coupés, Limousinen und Kombis.
Heute gibt es Kleinwagen-Coupés, Kleinwagen-Limousinen, Kleinwagen-Kombis, Kleinwagen-SUV, Kleinwagen-Cabrios, Kleinwagen-…, und dann zweitürige und viertürige Coupés, Kombi-Coupés, Coupé-SUVs, …
Die Modellpaletten der Hersteller explodieren.
Und wo ein Coupé-SUV wie der BMW X6 oder ein Kleinwagen-Kombi wie der Renault Clio Grandtour ungläubige Blicke und Äußerungen wie “Wer braucht denn so was?” ernten, freuen sich die Individualisten, dass sie so ein Auto fahren.

Die Modellvielfalt explodiert.
Derzeit sind 3.281 unterschiedliche Fahrzeugvarianten nach Modellen, Karosserieformen und Motorenarten im deutschen Autohandel erhältlich. Bei den reinen Modellreihen wie Ford Fiesta oder Opel Astra sind es immerhin 376 – bis 2015 wird diese auf satte 415 wachsen.
Zum Vergleich: 20 Jahre zuvor – im Jahr 1995 – waren es “nur” 227. Und schon da zeichnete sich der Trend ab.

Und eine Wende dieses Trends ist nicht absehbar. Im Gegenteil.

Wir werden immer individueller. Immer Anspruchsvoller.
Wir wollen einen VW Golf, weil er so “solide” ist. Aber bitte mit viel Power, wenig Verbrauch, einem ganz besonderen rot, als SUV mit Kombi-Anleihen aber sportlich.

Doch die Modellexplosion hat auch ihre Nachteile. Für kleine Hersteller entwickeln sich die Wünsche der “Vollprogrammierung” – also für jeden potentiellen Kunden ein Modell zu haben, egal wie lustig der Anspruch ist – zum Problem. Jeep, Chevrolet, Alfa Romeo – selbst BMW oder Mercedes haben so ihre Schwierigkeiten. Das liegt vor allem an den hohen Entwicklungskosten, die ein neues Modell mit sich bringt, und die sich gegenüber den geringen Stückzahlen am Ende nicht rentieren.

Das treibt Früchte, die wir als Autonarren eigentlich überhaupt nicht wollen. Das Mercedes zum Beispiel einen Renault Kangoo umbadget. Oder ein Fiat 500 am Ende auch nur ein Ford Ka ist. Oder, dass smart vor einem nahezu existentiellen Problem steht.
Wir verantworten die seltsamen Blüten ungeliebter Zusammenarbeiten selbst. Nicht nur die Autohersteller. Die sind am Ende zu Kooperationen gezwungen, selbst, wenn sie sie vor Jahren noch abgelehnt hätten.
Mercedes wird vom Citan am Ende nicht viele Exemplare verkaufen. Aber noch immer genug, dass sich die Zweckehe mit Renault lohnt. Die Hersteller müssen am Ende trotzdem aufpassen: Denn wer keine Kooperationen findet wird untergehen. Fiat merkt das gerade – und rettet seine Marken Fiat, Lancia und Alfa Romeo in die Arme von Chrysler und Mazda. Da mag in uns Autoliebhabern etwas zerbrechen. Für die Hersteller ist es jedoch Überlebensarbeit.

Technik ist am Ende das Eine. Lifestyle das andere.
Und ich bin der Meinung Autos verkauft man am Ende über Emotion. Am Ende ist es Heizungsinstallateur Ralf Schmidt aus Widenbruck egal, dass er in einem Renault sitzt, wenn er einen Citan fährt. Am Ende spielt es für den Audi-Kunden keine Rolle, dass er im Q3 auch nur in einem VW Tiguan sitzt. Am Ende ist es dem Kunden egal, dass der Citroen DS4 nur ein aufgehübschter C4 ist. Er ist glücklich. Und das ist, was zählt. Glück.